ISO 19650: Informationsmanagement mit BIM erklärt

Auf den Punkt:

Die ISO 19650 regelt das Informationsmanagement mit BIM: Aufbau der Reihe, ihre Teile, zentrale Begriffe wie AIA, BAP und CDE und die Umsetzung in Deutschland.

Von Stefan Kratzert

ISO 19650

Kurz gesagt: Die ISO 19650 ist die internationale Normenreihe für das Informationsmanagement mit BIM. Sie legt fest, wie Informationen über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks spezifiziert, erzeugt, ausgetauscht und geprüft werden – unabhängig von Software oder Land. Im Kern beantwortet sie eine Frage: Wer liefert wem, wann, welche Information, in welcher Qualität?

Wozu eine Norm für Informationsmanagement?

BIM funktioniert nur, wenn alle Beteiligten nach denselben Spielregeln arbeiten. Genau hier setzt die ISO 19650 an: Sie standardisiert nicht die Software und nicht das Modell, sondern den Prozess, nach dem Informationen verwaltet werden. Das Ziel ist ein durchgängiger, nachvollziehbarer Informationsfluss über alle Phasen – von der Planung über den Bau bis in den Betrieb.

Die Reihe ist international anwendbar und für Organisationen jeder Größe gedacht. Sie beschreibt keine technischen Formate, sondern Rollen, Verantwortlichkeiten und Abläufe.

Der Aufbau der Reihe

Die ISO 19650 besteht aus mehreren Teilen, die aufeinander aufbauen:

  • Teil 1 – Konzepte und Prinzipien (2018): die Grundlagen, Begriffe und das Gesamtbild des Informationsmanagements.
  • Teil 2 – Lieferphase (2018): der Prozess während Planung und Bau – also die Phase, in der ein Bauwerk entsteht.
  • Teil 3 – Betriebsphase: das Informationsmanagement im laufenden Betrieb und in der Instandhaltung.
  • Teil 4 – Informationsaustausch: die konkreten Abläufe und Kriterien einzelner Informationsübergaben.
  • Teil 5 – Sicherheit (2020): der sicherheitsbewusste Umgang mit Informationen.
  • Teil 6 – Gesundheit und Sicherheit: strukturierte Sicherheits- und Gesundheitsinformationen (zuletzt in Entwicklung).

Für die meisten Projekte sind vor allem Teil 1 (Grundlagen) und Teil 2 (Lieferphase) der Einstieg.

Zentrale Begriffe: AIA, BAP und das CDE

Die ISO 19650 prägt einige Begriffe, die in BIM-Projekten ständig auftauchen:

  • Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA): Der Auftraggeber legt fest, welche Informationen er wann und wozu braucht. International: *Exchange Information Requirements* (EIR).
  • BIM-Abwicklungsplan (BAP): Die Antwort der Auftragnehmerseite – wie das Informationsmanagement konkret umgesetzt wird. International: *BIM Execution Plan* (BEP).
  • Common Data Environment (CDE): die gemeinsame Datenumgebung, über die Informationen geordnet geteilt und freigegeben werden.

Diese Begriffe sind keine Bürokratie um ihrer selbst willen. Sie sorgen dafür, dass von Anfang an klar ist, was geliefert werden muss – und verhindern das verbreitete Missverständnis, man müsse einfach „ein bisschen BIM machen".

Herkunft: von der britischen PAS 1192 zur internationalen Norm

Die ISO 19650 fällt nicht vom Himmel. Sie baut auf der britischen Normfamilie BS 1192 / PAS 1192 auf, die das Vereinigte Königreich als Vorreiter im strukturierten BIM-Informationsmanagement entwickelt hatte. Diese national erprobten Prinzipien wurden auf internationale Ebene gehoben und weiterentwickelt – deshalb finden sich viele Konzepte der ISO 19650 bereits in den älteren britischen Dokumenten.

Umsetzung in Deutschland

In Deutschland wird die Reihe als DIN EN ISO 19650 übernommen. Ergänzt wird sie national durch die Richtlinienreihe VDI 2552, die einzelne Aspekte konkretisiert. Den politischen Anstoß für die BIM-Einführung gab der Stufenplan „Digitales Planen und Bauen" des Bundes – wobei dessen verpflichtende Anwendung zunächst auf Verkehrsinfrastrukturprojekte des Bundes zielte und keine pauschale BIM-Pflicht für jeden Hochbau darstellt.

Was bedeutet das für die Praxis?

Die zentrale Botschaft der ISO 19650 ist unbequem, aber hilfreich: Der Erfolg eines BIM-Projekts hängt zuerst vom Auftraggeber ab. Wer seine Informationsanforderungen klar definiert, bekommt verwertbare Ergebnisse; wer nur „ein BIM-Modell" bestellt, erfüllt die Norm nicht und verschenkt ihren Nutzen. Die Norm verlagert den Schwerpunkt von der Technik auf die Frage, welche Information am Ende wirklich gebraucht wird.

Zum Weiterlesen

Wie die gemeinsame Datenumgebung als Baustein der ISO 19650 funktioniert, vertiefen wir im Beitrag zum Common Data Environment (CDE). Einen Gesamtüberblick über BIM als Methode gibt unser Grundlagenbeitrag „Was ist BIM?".

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Weiterführend: Wie sich ISO-19650-Vorgaben in eine konkrete Modellierungsrichtlinie übersetzen, zeigt der Best-Practices-Artikel.

LOIN – Level of Information Need (DIN EN 17412-1)

Eng verwandt mit der ISO 19650 ist die Frage, *wie viel* Information ein Modell an einem bestimmten Punkt tatsächlich enthalten muss. Genau das regelt die Informationsbedarfstiefe, international LOIN (Level of Information Need). Sie wurde mit der DIN EN 17412-1 genormt und ergänzt die Begriffs- und Prozesswelt der ISO-19650-Familie: Während die ISO 19650 den *Prozess* des Informationsmanagements beschreibt, legt LOIN den *Inhalt* der geforderten Information fest.

Drei Bestandteile. LOIN beschreibt den geforderten Umfang und die Detaillierung eines Informationsaustauschs für ein Modellelement oder ein ganzes Fachmodell entlang von drei Aspekten:

  • geometrische Informationen – die geometrische Ausarbeitung eines Elements,
  • alphanumerische Informationen – Merkmale und Attribute (z. B. Bauteiltyp, Kennnummer, Gewerk, Kostengruppe nach DIN 276),
  • erforderliche Dokumentation – zusätzlich zu übergebende Dokumente.

Der zentrale Gedanke: LOIN ist eine Anforderungsdefinition des Auftraggebers. Sie beantwortet die Frage, wer wann im Projektverlauf welche Information in welcher Tiefe im Modell hinterlegen soll – bedarfsgerecht, nicht „so viel wie möglich". Der früher gebräuchliche Sammelbegriff LOD („Level of Development" bzw. „Level of Detail") und das deutsche MDG (Modelldetaillierungsgrad) sollen nach EN 17412-1 nicht mehr verwendet werden.

Geometrische Ausarbeitung (LOG-Staffel). Für den geometrischen Teil hat sich eine Staffelung von LOG 100 bis LOG 500 etabliert, die grob den Planungsphasen entspricht:

  • LOG 100 – grobes Konzept-/Vorentwurfsmodell (≈ Maßstab 1:100–1:200), städtebauliche Einordnung.
  • LOG 200 – wesentliche Bauteile typgerecht mit Dimensionen und Lage; Grundlage für Kostenschätzung und funktionale Ausschreibung (≈ 1:100).
  • LOG 300 – ausführungsreife Bauteile mit präzisen Angaben; Grundlage für Mengenermittlung und Vergabe (≈ 1:50).
  • LOG 400 – Bau- und Montagemodell mit Montage- und Installationsdetails.
  • LOG 500 – „Wie gebaut" (As-Built) als Grundlage der Bauwerksdokumentation.

Für die alphanumerischen Anforderungen bilden die IFC-Standardmerkmale (Property Sets wie Pset_DoorCommon) die Grundlage; sie werden bei Bedarf um nutzerdefinierte Merkmale ergänzt. Welche Merkmale ein Modell konkret braucht, hängt vom Anwendungsfall ab – dazu vertieft der Beitrag BIM-Produktdaten & Objektbibliotheken die bedarfsgerechte Attributtiefe. Für die praktische Auswertung („Soll-Ist-Abgleich" der geforderten LOIN) kommen BIM-Prüftools zum Einsatz.

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