Was ist BIM?
Kurz gesagt: BIM (Building Information Modeling) ist keine Software, sondern eine Arbeitsmethode. Alle Beteiligten eines Bauprojekts planen, bauen und betreiben auf Basis eines gemeinsamen, datenreichen Modells. Statt isolierter Zeichnungen entsteht eine durchgängige Informationsbasis über den gesamten Lebenszyklus – von der ersten Idee bis zum Rückbau. Wer BIM verstehen will, schaut weniger auf das 3D-Modell als auf die Prozesse, Rollen und Vereinbarungen dahinter.
BIM ist eine Methode, kein Programm
Der häufigste Irrtum über BIM lautet: Es sei ein bestimmtes Programm, das man kauft und installiert. Tatsächlich beschreibt BIM eine Arbeitsweise. Software ist dabei nur das Werkzeug – die Methode entscheidet darüber, ob ein Projekt „BIM" ist oder nicht.
Der Unterschied zu klassischem CAD macht das greifbar: CAD digitalisiert die Zeichnung, BIM digitalisiert die Information. Eine CAD-Linie ist eine Linie. Ein BIM-Bauteil – etwa eine Wand – trägt dagegen Eigenschaften: Material, Schichtaufbau, Brandverhalten, Hersteller, Beziehungen zu angrenzenden Bauteilen. Aus dem Modell lassen sich deshalb nicht nur Pläne ableiten, sondern auch Mengen, Kosten, Terminbezüge und Betriebsdaten. Das Modell ist weniger ein Bild des Gebäudes als eine strukturierte Datenbank über das Gebäude.
Die drei Säulen: Menschen, Prozesse, Technologie
BIM funktioniert nur, wenn drei Ebenen zusammenspielen – Technologie allein genügt nicht.
- Menschen: Qualifikation und Zusammenarbeit. BIM verlangt, dass Fachplaner ihre Modelle aufeinander abstimmen, statt nebeneinander zu arbeiten.
- Prozesse: klare Regeln, wer wann welche Information in welcher Qualität liefert. Ohne definierte Abläufe entsteht aus vielen Modellen kein gemeinsames Ergebnis.
- Technologie: Autorenwerkzeuge, Prüfprogramme, Austauschformate und eine gemeinsame Datenumgebung.
Wer nur die Technologie einführt, aber Rollen und Prozesse offenlässt, betreibt 3D-Modellierung – noch kein BIM.
Der Informationslebenszyklus: planen, bauen, betreiben
Der eigentliche Hebel von BIM liegt darin, dass Information einmal erzeugt und dann weitergereicht wird, statt in jeder Phase neu entstehen zu müssen. Das Modell wird über den gesamten Lebenszyklus fortgeschrieben: von Entwurf und Planung über die Ausführung bis in den Betrieb und schließlich den Rückbau.
So kann eine Information, die in der Planung entsteht – etwa die Eigenschaften eines Bauteils – später für die Bauausführung, die Abrechnung und am Ende für das Facility Management genutzt werden. Voraussetzung ist, dass alle Beteiligten auf dieselbe, verlässliche Datenbasis zugreifen.
Wer macht was? Rollen im BIM-Projekt
Damit dieser Informationsfluss funktioniert, braucht es klar verteilte Verantwortung. In der Praxis haben sich einige Rollen etabliert:
- BIM-Manager: verantwortet die BIM-Strategie über das Projekt hinweg, definiert Standards und überwacht die Zielerreichung – meist auf Auftraggeberseite oder übergeordnet.
- BIM-Koordinator: stimmt die Fachmodelle ab, prüft auf Kollisionen und sorgt für die Zusammenführung – meist je Fachdisziplin oder Auftragnehmer.
- BIM-Autor / Fachmodellierer: erstellt das eigentliche Fachmodell (Architektur, Tragwerk, TGA).
Grundsätzlich wird zwischen der Auftraggeberseite, die Anforderungen definiert, und der Auftragnehmerseite, die Informationen liefert, unterschieden. Wichtig: Diese Rollenbezeichnungen sind in der Praxis verbreitet, aber nicht durchgängig normativ festgelegt – die konkreten Titel und Zuschnitte variieren von Projekt zu Projekt.
Steuerdokumente: AIA, BAP und die Informationsbedarfstiefe
Damit jeder Beteiligte weiß, was wann in welcher Qualität zu liefern ist, regeln einige Schlüsseldokumente den Informationsfluss:
- Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA): Hier legt der Auftraggeber fest, welche Informationen er zu welchem Zeitpunkt und zu welchem Zweck benötigt. International entspricht das den *Exchange Information Requirements* (EIR).
- BIM-Abwicklungsplan (BAP): Die Antwort der Auftragnehmerseite darauf – wie das Informationsmanagement konkret umgesetzt wird. International: *BIM Execution Plan* (BEP).
- Informationsbedarfstiefe (LOIN): legt fest, wie detailliert eine Information sein muss. Die Norm EN 17412-1:2020 unterscheidet dafür drei Arten von Information – geometrische, alphanumerische und dokumentarische. LOIN löst die frühere, uneinheitlich verwendete Diskussion um „LOD", „LOG" und „LOI" ab und stellt den Zweck der Information in den Mittelpunkt: Wie viel Detail braucht es wirklich – nicht mehr und nicht weniger.
openBIM vs. closedBIM – und die Rolle von IFC
Ein zentrale Weichenstellung jedes Projekts ist die Frage des Datenaustauschs:
- closedBIM: Alle Beteiligten arbeiten im selben herstellereigenen Format. Das ist einfach, bindet aber alle an einen Anbieter.
- openBIM: Der Austausch läuft über offene, herstellerneutrale Formate, sodass unterschiedliche Programme zusammenarbeiten können.
Das wichtigste offene Format ist IFC (Industry Foundation Classes) – ein herstellerneutraler Standard der Organisation buildingSMART, international genormt als ISO 16739-1:2024. Der Vorteil von openBIM: keine Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter und eine bessere langfristige Lesbarkeit der Daten, auch über Software-Generationen hinweg. Wir liefern Modelle auf Wunsch auch im offenen IFC-Format.
Normrahmen: ISO 19650, IFC und der deutsche Stufenplan
BIM ist heute international standardisiert. Die wichtigsten Bezugspunkte:
- ISO 19650 ist die internationale Normenreihe für das Informationsmanagement mit BIM. Sie umfasst u. a. Teil 1 (Konzepte und Prinzipien) und Teil 2 (Lieferphase), beide 2018 veröffentlicht, Teil 3 (Betriebsphase), Teil 4 (Informationsaustausch), Teil 5 (sicherheitsbezogenes Informationsmanagement, 2020) sowie einen Teil 6 zu Gesundheit und Sicherheit. Die Reihe baut auf der britischen Normfamilie BS 1192 / PAS 1192 auf und wird in Deutschland als DIN EN ISO 19650 übernommen.
- IFC / ISO 16739 definiert das offene Austauschformat (siehe oben).
- VDI 2552 ergänzt den internationalen Rahmen national mit konkreten Richtlinien.
In Deutschland gab der Stufenplan „Digitales Planen und Bauen" den entscheidenden Anstoß: 2015 vom damaligen Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) vorgestellt, sah er die Einführung von BIM in drei Stufen vor – Vorbereitung bis 2017, Pilotphase bis 2020 und ab 2020 die regelmäßige Anwendung bei neu geplanten Verkehrsinfrastrukturprojekten des Bundes. Wichtig für die Einordnung: Der Stufenplan gilt in erster Linie für den Infrastrukturbau und den infrastrukturbezogenen Hochbau – er ist keine pauschale BIM-Pflicht für jeden Hochbau.
Was bringt BIM in der Praxis?
Richtig eingesetzt, kann BIM die Zusammenarbeit spürbar verbessern: Kollisionen zwischen Gewerken lassen sich früh im Modell erkennen, Mengen und Kosten konsistent aus demselben Datenstand ableiten, und Informationen stehen später für den Betrieb bereit, statt am Bauende verloren zu gehen. Medienbrüche – das wiederholte Neuerfassen derselben Information – werden reduziert.
Gleichzeitig ist BIM kein Selbstläufer. Die Methode bedeutet zusätzlichen Aufwand und verlangt Disziplin: Der Nutzen entsteht nur, wenn der Auftraggeber seine Anforderungen klar definiert und alle Beteiligten ihre Rolle im Informationsprozess ernst nehmen. Ein Modell ohne verbindliche Prozesse bleibt ein schönes Bild ohne Mehrwert.
Zum Weiterlesen
BIM ist ein weites Feld. In weiterführenden Beiträgen vertiefen wir einzelne Bausteine: die gemeinsame Datenumgebung (Common Data Environment), die Normenreihe ISO 19650, die sogenannten BIM-Dimensionen (3D bis 7D), den Brückenschlag zwischen Modell und Baustelle (BIM to Field) sowie ein kompaktes Glossar der wichtigsten Begriffe.
---
*Wunderloop erstellt BIM-fähige 3D-Modelle und normgerechte CAD-Daten in den gängigen Formaten. Wenn Sie für ein Projekt ein verlässliches Fachmodell benötigen, ist das einer von mehreren möglichen Wegen – sprechen Sie uns gern an, wenn Sie Unterstützung bei der Modellerstellung suchen.*